Was ist Ökumene – eine Erklärung

1. Etymologie und Bedeutungswandel

Das Wort Ökumene leitet sich vom griechischen oikos (Haus) ab und bezeichnete ursprünglich „die ganze von Menschen bewohnte Welt“ bzw. die gesamte Menschheit (Herodot, 5. Jh. v. Chr.). Ab dem 4. Jh. v. Chr. verengte sich der Begriff auf die hellenisierte Welt und wurde dann im Römischen Reich als politischer Begriff für das gesamte Imperium verwendet. Im Neuen Testament erscheint er sowohl im Sinne der gesamten Menschheit (Apg 17,31) als auch der zukünftigen Welt Gottes (Hebr 2,5). In der frühen Kirche bezeichnete „ökumenisch“ die Kirche im ganzen Weltkreis (daher: „ökumenisches Konzil“). Erst Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts entstand – ausgehend vom Pietismus – die heute geläufige Bedeutung: die Einheit aller in der Taufe Wiedergeborenen und das Verhältnis der Kirchen zueinander.

2. Neuzeitliche Definitionen

Im 20. Jahrhundert setzte sich Ökumene zunehmend im Sinne der Einigung der Christenheit durch. Das Zentralkomitee der ökumenischen Bewegung formulierte 1951:

Ökumene beschreibt alles, was sich auf die gesamte Aufgabe der ganzen Kirche bezieht, das Evangelium der ganzen Welt zu bringen.

Eine engere, für den westlichen Kontext relevante Arbeitsdefinition lautet (nach Visser):

Ökumene ist das Streben auf nationaler und internationaler Ebene, die konfessionellen Trennungen zu überwinden, damit die Christen zu einem gemeinschaftlichen Bekennen und Erfahren des Glaubens kommen.

3. Kleine und große Ökumene

In jüngerer Zeit hat sich eine Unterscheidung etabliert:

  • Kleine Ökumene – Zusammenarbeit und Einigung der christlichen Konfessionen untereinander.
  • Große Ökumene – Dialog mit den nichtchristlichen Weltreligionen, insbesondere:
    • Abrahamitische Ökumene: Verständigung zwischen Judentum, Christentum und Islam.
    • Suche nach einem gemeinsamen „Weltethos“ (Hans Küng) als ethischem Minimalkonsens für das Überleben der Menschheit.

Außerdem wird – im Rückgriff auf den Wortstamm (oikos = Haus) – Ökumene als „Haushalt Gottes“ verstanden, der Ökologie und Ökonomie einschließt: Die ökumenische Bewegung ist aufgefordert, für die Bewohnbarkeit der Erde einzutreten (Konrad Raiser).

4. Ziel der Ökumene: Communio statt Einheitskonfession

Das Ziel der Ökumene ist nicht die Schaffung einer uniformen Einheitskonfession oder Einheitsreligion – dies würde unweigerlich zu Vereinnahmungen führen. Vielmehr geht es darum, die anderen in ihrer Andersheit anzuerkennen. Die ökumenische Grundüberzeugung lautet:

„Nicht die Einheit bedarf der Rechtfertigung, sondern die Trennung.“ (nach Joh 17,21)

Das heute angestrebte Modell ist eine Communio/Koinonia der Kirchen – eine Gemeinschaft in versöhnter Verschiedenheit. Der Begriff Communio hat dabei mehrere Vorteile: Er ist allen christlichen Kirchen aus ihrer eigenen Tradition vertraut, er ermöglicht die positive Wertschätzung von Verschiedenheit als Vielfalt, und er erscheint realistischer als das Ziel einer institutionellen Einheit.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) formulierte dieses Ziel 1991 in Canberra:

„Die Einheit der Kirche, zu der wir berufen sind, ist eine Koinonia, die gegeben ist und zum Ausdruck kommt im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens, in einem gemeinsamen sakramentalen Leben, in das wir durch die eine Taufe eintreten und das in der einen eucharistischen Gemeinschaft miteinander gefeiert wird, in einem gemeinsamen Leben, in dem Glieder und Ämter gegenseitig anerkannt und versöhnt sind, und in einer gemeinsamen Sendung.“

5. Vorhandene Einheit als Grundlage

Trotz geschichtlicher Trennungen besteht eine tiefe und grundlegende Einheit der Kirchen: Das Band der Heiligen Schrift ist nicht zerrissen, das Bekenntnis zum dreieinigen Gott und die Taufe werden von den meisten Konfessionen anerkannt, und es gibt geistliche Gemeinschaft durch gemeinsames Gebet und Gottesdienst. Kirchengemeinschaft ist deshalb das „Sichtbarwerden“ der in Christus schon existierenden Einheit.

Ökumene heißt in diesem Sinne, dass sich alle Kirchen im Dialog bekehren müssen – im Blick darauf, was Kirche im Sinne Jesu sein soll. Für die römisch-katholische Kirche bedeutet das seit dem II. Vatikanum: Keine „Rückkehr-Ökumene“ mehr, sondern ein gegenseitiger „Austausch der Gaben“ (Johannes Paul II., Ut unum sint).

6. Meilensteine der ökumenischen Bewegung

  • 1948 – Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Amsterdam; heute 332 Mitgliedskirchen aus über 100 Ländern (ohne formelle Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche, aber mit enger Zusammenarbeit seit dem II. Vatikanum).
  • 1965 – Einrichtung einer „Gemeinsamen Arbeitsgruppe“ zwischen ÖRK und Heiligem Stuhl.
  • 1982 – Lima-Erklärung („Taufe, Eucharistie und Amt“): Konvergenzdokument, das bedeutende Übereinstimmung in bislang strittigen Fragen dokumentiert; ebenfalls die Lima-Liturgie als ökumenische Gottesdienstordnung.
  • 1995 – Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ von Papst Johannes Paul II., mit dem Aufruf zum gemeinsamen Nachdenken über das Papstamt als Dienst an der Einheit.

7. Altkatholische Perspektive (nach Visser)

Die altkatholische Ökumene versteht sich als Streben nach kirchlicher Gemeinschaft auf der Grundlage des Glaubens und der Ordnung der ungeteilten alten Kirche. Das Modell der Utrechter Union – Abendmahlsgemeinschaft in Verbindung mit gemeinsamem Bekenntnis und Amtsstruktur – wird dabei als lebendiges Beispiel eines funktionierenden altkirchlichen Gemeinschaftsprinzips verstanden. Herausforderung bleibt die Spannung zwischen ökumenischen Fortschritten auf der Makroebene (internationaler Dialog) und der gelebten Erfahrung auf der Mikroebene (lokale Begegnung mit Christen anderer Konfessionen).


Quellen: Teil XIV – Kirche als Communio; Visser, Ökumene und Utrechter Union (nach: Peter Neuner, Ökumenische Theologie, Darmstadt 1997)

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